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Appell "HumanismusPlus": Charakter zählt! Thesen für eine zeitgemäße Persönlichkeitsbildung



Zur Notwendigkeit religiös informierter Persönlichkeitsbildung


In Deutschland, aber auch global dominiert ein verzweckter Bildungsbegriff. In der Spur der OECD werden Bildungsziele instrumentalistisch auf Kompetenzerwartungen im Dienste der Arbeitsmarktfähigkeit verengt. Internationale Vergleichbarkeit wird mit inhaltlicher Leere erkauft. Was aber ist das Menschenbild hinter unserem Verständnis von Bildung? Worin liegt ihr Zweck, wenn man von der Indienstnahme durch externe Anliegen absieht? Diese Debatte findet nur unzureichend statt.


Die Relevanz und Dringlichkeit der Reflexion unseres Bildungsbegriffes wird nicht nur durch den akuten Lehrermangel und Defizite in der Bildungsqualität, sondern auch durch große gesellschaftliche, politische und technologische Umwälzungen befördert. Ob Pluralismus und Identitätsdebatten, Emanzipationsbestrebungen und Repräsentationsansprüche, Krieg in Europa, die Coronapandemie, die Klimakrise oder die rasanten Entwicklungen im Bereich der künstlichen Intelligenz: Die Vielfalt und Gleichzeitigkeit sich überlagernder Herausforderungen erhöht den Bedarf an Orientierungswissen, Urteilsfähigkeit und selbstständigem Denken.


Erfahrungen von Beschleunigung, Krise und Transformation schlagen sich auch im Schul- bzw. Unterrichtsalltag nieder und müssen dort kompetent verhandelt werden. Dazu gehören Fragen der Selbstverortung, Weltanschauung und Sinngebung, deren Beantwortung nicht nur für die Lebensführung des Individuums, sondern auch für die Dynamik des Sozialgefüges prägend wirkt.


Daher braucht es neben ethischer und politischer auch theologische Bildung für eine säkulare Gesellschaft. Wo über Ambivalenzen, Deutungsoffenheit und Widersprüche von Religionen nicht aufgeklärt wird, brechen sich gesellschaftspolitisch wirksame Absolutheitsansprüche bis hin zu Extremismen Bahn. Traditionsabbrüche im Hinblick auf religiös-weltanschauliche Kenntnisse sind also mitnichten ein innerkirchliches, sondern ein demokratisches Problem. Es bildungspolitisch durch einen „ausgrenzenden Säkularismus“ zu befeuern, wäre töricht.


Angezeigt ist eine den ganzen Menschen in den Blick nehmende humanistische Persönlichkeitsbildung, die religiös-weltanschauliche Gehalte reflektiert – und damit zum HumanismusPlus wird.


Die Kampagne HumanismusPlus


HumanismusPlus ist der programmatische Titel einer Kampagne, die das Zentrum für Ignatianische Pädagogik (ZIP) im Jahr 2018 initiierte, um einen neuen Akzent in der Bildungsdebatte zu setzen. Sie plädiert für eine „übernützliche“ Bildung, deren paradoxe Pointe darin besteht, sich als nützlich zu erweisen, genau weil sie nicht zu nutzen anstrebt. In Zentrum steht ein universalistischer – also Kulturen und Identitäten übergreifender – Begriff des Menschseins als Würde. Diesem inneren Wert Ausdruck zu verleihen, heißt, Bildung als Voraussetzung eines freiheitlich-selbstbestimmten Lebens zu begreifen und auf die Entfaltung der Person anzulegen. Kurz: Charakter zählt!


Um das Thema Persönlichkeitsbildung auf die öffentliche Tagesordnung zu setzen, veranstaltete das ZIP unter anderem Salongespräche mit dem FAZ-Herausgeber Jürgen Kaube und dem Soziologen Heinz Bude, veröffentlichte Artikel in Fach- und allgemeinen Medien und entwickelte das Online-Debattenportal „Sinn & Gesellschaft“. Inspiration boten dabei Kooperationen mit dem Jubilee Centre for Character and Virtues an der Universität Birmingham in Großbritannien und weiteren internationalen Partnern. Das Herzstück der Kampagne bestand indes in einer „Roadshow“ durch mehrere Landeshauptstädte, auf der HumanismusPlus im Kreise ausgewählter Vertreter aus Politik, Bildung, Kirche und Medien vorgestellt und durch deren Expertise angereichert wurde.


Der Bedarf nach humanistisch vertiefter Bildung findet sich für Deutschland empirisch bestätigt. So stellte eine vom ZIP beauftragte repräsentative Allensbach-Untersuchung im Jahr 2020 zusammenfassend fest, „dass die Schulen, die in ignatianischer Tradition besonderes Augenmerk auf die Persönlichkeitsbildung der Schüler legen, damit ein von der Bevölkerung durchaus empfundenes Defizit ansprechen, salopp gesagt: ‚Sie stoßen auf eine Marktlücke‘.“ Bereits im Jahr 2017 kam eine SINUS-Studie zu dem Schluss, unter Lehrern, Eltern und Schülern sei sich „jeweils eine breite Mehrheit einig: Die Ignatianische Schule ist eine gute Schule“. Das heißt, sie biete „ein motivierendes und klar definiertes Lernumfeld, in dem nicht nur eigenständiges Denken nachhaltig gefördert wird, sondern das auch für den Einsatz für die Mitmenschen sensibilisiert.“


Empfehlungen für Schule und Unterricht


Schüler sollten ihre Würde erfahren können. Schule und Unterricht sind dahingehend so zu gestalten, dass dies als Akt des Selbst-Entdeckens geschieht. Mit anderen Worten: Die Wahrnehmung der eigenen Würde erweist sich als ihr erster Vollzug. Sie zu oktroyieren, hieße sie zu unterhöhlen. Eine vom Geist der Selbst-Werdung im Bildungsprozess getragene pädagogische Kultur mag sich an folgendem Gütekriterium orientieren: Wenn die Erkenntnisse exponentiell wachsen und ihre Halbwertszeit damit schrumpft, zählt das, was unter allen Umständen und Zeiten Bestand hat.


In den Vordergrund rücken also Lernziele wie Kausalität zu begreifen, Phrasen und Widersprüche zu erkennen oder Vokabular und Beschreibungspotenz zu entwickeln. Notwendig ist dafür gerade nicht eine Beschäftigung mit möglichst vielen Stoffen, sondern eine Konzentration auf exemplarische Gegenstände als Ausgangspunkt für Selbstbeobachtung und Welterfahrung. Zu diesem Zweck gilt es, Lehrern mehr Freiheit in ihrer Unterrichtsgestaltung einzuräumen und inhaltliche Tiefe vor Breite zu stellen. Persönlichkeitsbildung betont also den Wert, Wissen variabel auf verschiedene Kontexte anwenden zu können. Was den Umgang mit normativen Gehalten betrifft, empfiehlt sich eine „indirekte Ethik“, die Schülerinnen und Schülern stellvertretende Modelle des guten und rechtfertigungsfähigen Lebens anbietet, um sie zu einer eigenen verantwortlichen Wahl zu befähigen. Ein umfassender Humanismus stellt hier auch religiöse Deutungen zur Verfügung.


Religion liefert überdies Inspiration für kontemplative Unterrichtselemente, die gleichsam beiläufig Konzentration und Resonanzbeziehungen stärken. Ritualisierte Phasen der Einübung von Stille und Reflexion etwa schärfen die Wahrnehmungskompetenz und das Hören als elementare Voraussetzung für Selbsterkenntnis und Dialog. Gemeinsames Singen vermag Verständigungspotentiale jenseits sprachlich-argumentativer Formen zu eröffnen.

Im extracurricularen Bereich schließlich dienen Angebote von Orchester über Theater, Poetry Slam, Film bis Sport einer umfassenden Entfaltung persönlicher Begabungen.


Empfehlungen für die Politik


Um Persönlichkeitsbildung einschließlich der praktischen Vorschläge für Schule und Unterricht zum Erfolg zu verhelfen, braucht es auch politische Weichenstellungen. Zentral geht es um drei Empfehlungen im Sinne von HumanismusPlus:


Schulautonomie ermöglichen

Schulen sollten von staatlichen Direktiven entlastet und mit mehr Verantwortung ausgestattet werden. Im Zuge einer Dezentralisierung könnten sie Bildungsprozesse nach eigenen Kriterien gestalten, müssten diese aber auch transparent rechtfertigen. Durch die zusätzlichen Freiheitsgrade entstünde ein schulorganisatorisches Umfeld, das der Förderung von Persönlichkeitsentfaltung besonderen Vorschub leistet. Ein subsidiärer Ansatz verlangt insbesondere auch mehr Trägervielfalt in der Schullandschaft, innerhalb derer konfessionelle Akteure eine wichtige Ergänzung zum öffentlichen System darstellen.


Lehrerausbildung und -fortbildung stärken

Lehrern kommt erwiesenermaßen eine zentrale Rolle im Bildungsprozess zu. Damit gehören auch ihre Fähigkeitsprofile in den Fokus. Bereits die Lehrerausbildung sollte dem Thema Persönlichkeitsentwicklung mehr Raum geben, vor allem aber müssen die dort erworbenen Fähigkeiten durch Fortbildung dauerhaft entwickelt werden. Denn angesichts ihres Erziehungsauftrages gegenüber den Schülern, gerade im Bereich der Persönlichkeitsbildung, sind Lehrer Führungskräfte mit erheblicher Personalverantwortung. Lehrerausbildung in den Fächern ist zu sehr an der Fachlichkeit der Hauptstudiengänge orientiert; Auseinandersetzung mit personalen Elementen fehlt hingegen häufig. Es wird viel gelernt, was gelehrt wird, aber zu wenig geübt, selbst eine Lehrpersönlichkeit zu sein.


Religiös-weltanschauliche Reflexionskompetenz fördern

Auch eine säkulare Gesellschaft ist auf die Einspeisung theologischen Wissens angewiesen. Denn der Glaube und seine institutionellen Träger haben zweifelsohne kulturelle Prägekraft und öffentliche Relevanz. In Deutschland wird diese Tatsache gerne vernachlässigt. Schule muss junge Menschen deswegen darin unterstützen, sich verantwortungsvoll, vernünftig und kritisch mit der Sinn- und Transzendenzdimension des Lebens auseinanderzusetzen. Undogmatischer Weltanschauungs- und Religionsunterricht kann dazu einen wichtigen Beitrag leisten. Kurz: Die „Frage nach Gott“ zu stellen, gehört zu guter Schulbildung.


Ulrike Gentner, Tobias Zimmermann SJ (Leitung, Zentrum für Ignatianische Pädagogik)

Dr. Christopher Haep (Abteilungsleiter Schule und Hochschule, Erzbistum Hamburg)

Prof. Dr. Birgit Hoyer (Bereichsleiterin Bildung, Erzbistum Berlin)

Gabriele Hüdepohl (Schulleiterin, Canisius-Kolleg Berlin)

Martin Löwenstein SJ (Rektor, Aloisiuskolleg Bonn)

Klaus Mertes SJ (Superior, Jesuitenkommunität Berlin-Charlottenburg)

Mathias Molzberger (Stellvertretender Schulleiter, Aloisiuskolleg Bonn)

Walter Odekerken (Schulleiter, Aloisiuskolleg Bonn)

Dr. Christian Rutishauser SJ (Delegat für Schulen und Hochschulen, Jesuiten in Zentraleuropa)

Johann Spermann SJ (Provinzökonom, Jesuiten in Zentraleuropa)

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